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Warum es an der Zeit ist, Innenarchitektur neu und digital zu denken.

Noch so eine Forderung nach mehr Digitalisierung. *Stöhn* Ist die Planung von Architektur nicht schon wahnsinnig digitalisiert? Grundrisse werden ausschließlich am Computer erstellt. Listen werden in Excel geführt, Pläne per E-Mail verschickt und Visualisierungen in der Cloud gerendert.

Die Digitalisierung in der Architektur hatte ihren Beginn vor mehr als 30 Jahren. Es war möglich einfachste Grundrisse und dreidimensionale Zeichnungen zu erstellen. Der Mauszeiger ersetzte den Stift. Diese Art der Digitalisierung war und ist im Grunde nichts anderes als die Ausführung von analogen Tätigkeiten mit einer digitalen Maschine – eine Computerisation1. Doch das ein Grundriss auf Grundlage von Parametern selbst erstellt wird, Excel Listen sich automatisch aktualisieren oder die Software optimierte Fassadenvarianten erstellt, aus denen der Architekt wählen kann, sind noch lange kein Standard. Doch dies wäre nur ein kleines Potenzial, dass eine vom Computer generierte Architektur – eine Computational Architecture – in sich trägt.

INTER10RS beschreibt in einer Serie an Texten und Prototypen verschiedene Ansätze und Gedanken um Entwurf, Realisierung und Nutzung von Lebens-, Arbeits- und Freizeitorten mit digitalen Tools neu zu denken. Die 1 und 0 stehen hierbei sinnbildlich für das binäre Zahlensystem, dass die Grundlage von Rechenprozessen in Computern bildet. Sie sollen jedoch nicht für richtig oder falsch, ja oder nein stehen, sondern eher für die vielen Möglichkeiten dazwischen. Außerdem stehen i und o in der Datenverarbeitung für Input und Output, die das IPO-Modell (Input, Processing, Output) darstellen.

Viele Architekt*innen stehen dem Einsatz von Computer, Algorithmen und KI als Werkzeug eher skeptisch gegenüber. Gerade weil Architektur und Innenarchitektur etwas ist, dass Menschen sehr direkt berührt, umgibt und beeinflusst – so vielleicht die Begründung – kann und sollte eine gute Architektur nicht durch eine Maschine generiert werden. Eine Maschine arbeitet schließlich nach einfachen Regeln, ist kühl, hat keinen Verstand, kann keinen Genius Loci interpretieren und keine Atmosphäre kreieren. Alles richtig – muss sie auch nicht. Doch vieles was den Entwurf von Architektur betrifft lässt sich in Regeln fassen. Schließlich ist Architektur von einer Vielzahl an Vorschriften und DIN-Normen geprägt, die auf Maßen und Regeln beruhen. Genau diese Maße und Regeln lassen sich leicht in Algorithmen übertragen. Und auch Abhängigkeiten oder Thesen, die eine gute Atmosphäre ausmachen, lassen sich in Regeln und Abhängigkeiten fassen.

Die kognitiven Fähigkeiten des Menschen sind sehr begrenzt. Ein Gebäude zu entwerfen und zu bauen, verlangt hunderte Parameter in Beziehung zu setzten und daraus eine optimale Variante zu wählen. Eine einfache Bauaufgabe: Zu planen ist ein Wohnhaus mit sechs Wohnungen. Angenommen jede Wohnung wäre vergleichbar mit einem Standard-Legostein mit 4 auf 2 Noppen. Spontan fallen mir 10, 20, vielleicht sogar ein paar hundert Varianten ein, die sechs Steine zu kombinieren. Möglich wären über 900 Millionen2. Ein Großteil der Kombinationen wäre aufgrund von Baugrundstück und Vorschriften obsolet. Die restlichen Varianten nach natürlicher Belichtung, Ausblick, minimaler Materialbedarf, Energieeffizienz zu bewerten und die optimale Lösung zu entwickeln, erscheint wie eine Lebensaufgabe.

Ganz naiv gefragt: Wenn eine so einfache Bauaufgabe so viele Möglichkeiten bietet, wie ausgereift können derzeitige Bauprojekten überhaupt sein? Es ist anzunehmen, dass Luft nach oben besteht. Es verwundert daher nicht, dass die Bauwirtschaft in der EU 40% der gesamten Energie3 verbraucht (Bau und Betrieb von Gebäuden) und weltweit 35% aller Ressourcen4 verbraucht. Die Entwicklung und Innovationskraft scheinen in der Bauindustrie besonders gering zu sein. Während Produktionszeiten und Kosten in fast allen Industrien (Automobil, Elektronik, Mode) sanken und damit die Produktivität stieg, stagniert, ja fällt sie sogar in der Bauindustrie5. Ein Grund könnte sein, dass die Baubranche die am wenigsten digitalisierte ist5. Es wird vor allem auf bekanntes Wissen, Prozesse, Materialien und Details gesetzt. Die Innovation fehlt. Das repetitive zurückgreifen auf bekannte Typologien, Materialien und Prozesse sowie hoher Zeit und Kostendruck und zu strikte Gesetzesvorgaben führen zu einer fehlenden Innovation. Und diese sind in Anbetracht des steigenden Bevölkerungswachstums auf 9,7 Milliarden Menschen bis 20506 und Anteil der Stadtbevölkerung6 von 55% auf 68%6 dringend notwendig.

Könnten Algorithmen, parametrisches Design, KI, Big Data und Virtual Reality (damit sind alle disruptiven Technologien einmal erwähnt – Bullshit-Bingo completed) nicht ein Befreiungsschlag für Architektur sein? Architekten*innen könnten schon heute von lästigen Aufgaben wie Aktualisierung von Grundrissen, Excel-Listen und Detailzeichnungen befreit werden. Variantenbildung für ganze Bauaufgaben oder einzelne Konstruktion wären möglich, aus denen der Architekt*in selektieren kann. Eine Bewertung oder Überformung in Hinblick eines optimalen Materialeinsatzes, Klimaregulierung oder Performance wäre durch Software ebenfalls möglich. Und neue Technologien wie Robotik, 3D-Druck und Augmented Reality würden völlig neue Bauprozesse, Konstruktionen und Nutzung von Architektur ermöglichen. Macht das den Architekten obsolet? Nein! Die Aufgaben werden sich aber ändern und neue Kompetenzen und Spezialisierungen werden erforderlich sein.

Wie ändert sich das Berufsbild, und welche Veränderungen sind in der Lehre notwendig? Welche Rolle spielt Software und ist KI nur ein Hype? Welche aktuellen Bauprojekte bei denen neue Technologien im Praxiseinsatz zum Tragen kommen, gibt es? Dies werden die Themen der nächsten Publikationen sein.

Der digitale Bautrupp.

Quellen:
  • 1 Menges, Achim: Digitalisierung und Normierung, Arch+ 233, 2018, S. 110 – 111
  • 2 http://web.math.ku.dk/~eilers/lego.html
  • 3 Deutsche Bank Research 2013
  • 4 United Nations Environment Programme
  • 5 McKinsey Global Institute Report – A Route to Higher Productivity, Februar 2017
  • 6 Vereinte Nationen, World Population Prospects: The 2019 Revision